Wir sitzen im Nachtzug. Schöne Idee, denke ich mir immer wieder. Da kann man richtig was sparen und ist morgens ausgeschlafen an seinem Zielort. Als wir in das zu zwei Drittel vollbesetzte Abteil hereinschneien in dem eigentlich gehofft wurde, dass auch am letzten Halt diesseits der Alpen niemand mehr einsteigen würde ernten wir erstmal eine Portion Enttäuschung. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut aus der anderen Perspektive. Naja schade, hier sind wir nun. In meinem Kopf erklingt stumm die Melodie von Tetris. Es wird gepuzzelt, bis eine halbwegs mögliche Schlafposition erreicht wird, ich schreibe gerade aus einer Art (entschuldige die explizite Darstellung aber so kann es einfach am besten beschrieben werden) Scherenstellung. Mal sehen wie lange wir das durchhalten, bis jemandem ein Bein amputiert werden muss. Man muss sich schon gut kennen, um gemeinsam mit einem Nachtzug zu verreisen denke ich, für ein erstes Date könnte es zu viel sein... Obwohl vielleicht kann man sich ja so mal auf eine ganz unkonventionelle Art sehr schnell sehr gut kennen lernen. Die Wirkung des Aperol lässt in diesem Moment nach und die Tetris-Melodie schallt weiter laut durch meinen Kopf. Oh Wien denke ich mir, ich frei mi auf di.
Irgendwie wurde in der Holzklasse die Lüftung ausgeschaltet, wahrscheinlich brauchte man den Strom, um den Champagner für die Passagiere der 1. Klasse zu kühlen. Es ist sehr sehr stickig im Abteil. Und ich sehne mich danach auf einer Tür im Eismeer zu treiben. Okay vielleicht auch zu dramatisch auf ne Art, aber dennoch spielt leise in irgendeiner Ecke in meinem Kopf my heart will go on.
Ich glaube diese Fahrt kann man mit "naja immerhin" zusammenfassen. Nach einem anfänglichen, fröhlichen "drei mol von hätze Alaaf, isch steigens in Kölle am Rhing us" (leider habe ich mich nicht getraut das laut zu sagen) konnte ich mich soweit ich mich erinnern kann an 3 Stunden Schlaf erfreuen, ich erinnere mich außerdem wieder daran, dass ich eigentlich Nackenkissem schon immer überbewertet fand weil ich meinen Kopf ja zum schlafen nicht einfach hängen lassen kann (wie die Grünpflanzen in meinem Zimmer) aber naja immerhin konnte ich es als Kissen benutzen. Immerhin sind es 5 statt 6 Personen im Abteil und die Sauerstoffzufuhr ist dank feinster kühler Außenluft konstant gewährleistet. Immerhin atmen, dafür zudecken. Gerade verlassen wir Mainz und ich hoffe sehr den Sonnenaufgang über dem Rheintal sehen zu können, das könnte echt ganz nett werden. Aber bis dahin versuche ich mich noch ein bisschen an der süßen Frucht des Schlafs zu larben.
mir ist kalt. Ich sitze bei 35 Grad Außentemperatur in einer absurd schnell über das platte italienische Land peitschenden - standesgemäß in Rot-Weiß-Grün angepinselten - Blechkiste die auf angenehme 12 Grad Celsius heruntergekühlt ist. Lutsche gerade meine letzten Tropfen gefrorenes Wasser aus meiner Trinkflasche. Ansonsten war es eine erstaunlich ereignislose Nacht, dank Cordis Profi-Schlafmaske hätte mich nicht mal das Blitzlichtgewitter einer Oscar-Verleihung aus meinen sanft schaukelnden Träumen aufschrecken lassen und bisher funktionierten alle Verbindungen. Der einzige kleinere Schaden den ich heute verursachte war ein Schweizer Roaming-Fauxpas ungeklärten finanziellen Ausmaßes. Dennoch wurde sich ein „caffeee Espresso per favoreee“ gegönnt und wir steuern auf schnellen Schienen Richtung des ersten Aperol Spritz zu.